schwedische Flagge vor wolkenlosem Himmel

Lisa (28) aus Schweden – „Ich will nicht nur bestehen, ich will ankommen.“

Lisa sitzt in ihrer hellen Studentenbude in Stockholm, im Hintergrund ein Regal voller Fachbücher zur Sozialarbeit. Seit drei Monaten nimmt sie wöchentlich Online-Einzelunterricht, um ihr Deutsch von einem soliden B2 auf ein sicheres C1-Niveau zu heben. Ihr Ziel: Ein Praktikum in der Münchner Obdachlosenhilfe. Wir haben mit ihr über den Mut zum Sprechen, die Tücken der Behördensprache und den Unterschied zwischen „Schuldeutsch“ und echtem Leben gesprochen.

Hallo Lisa! Schön, dass du Zeit hast. Stell dich bitte kurz vor: Wer bist du und warum Deutsch?

Lisa: Hallo! Ich bin Lisa, 28, komme aus der Nähe von Stockholm und habe Soziale Arbeit studiert. Deutsch habe ich eigentlich klassisch in der Schule gelernt. Aber das war sehr grammatiklastig, viel Textanalyse, wenig Sprechen. Nach dem Abi habe ich es kaum noch genutzt. Jetzt will ich für sechs Monate nach München für ein Praktikum in einer Einrichtung für Wohnungslose. Und da merkt man schnell: „Schuldeutsch“ reicht da nicht. Man muss beziehungsfähig auf Deutsch sein.

Du machst jetzt seit drei Monaten 1-zu-1-Unterricht online mit Fokus auf Konversation (B2/C1). Warum diese Form und nicht ein Gruppenkurs oder eine App?

Lisa: Ich habe erst einen Abendkurs hier in Stockholm probiert. Das Problem: Wir waren 15 Leute. Ich kam vielleicht auf 5 Minuten Sprechzeit pro Abend. Bei C1 geht es aber nicht mehr ums Richtigmachen von Sätzen, sondern um Nuancen, Argumentationsführung, spontanes Reagieren. Das übt man nur, wenn man gezwungen ist, 45 oder 60 Minuten nonstop zu reden.

Der Einzelunterricht ist teurer, ja, aber doch viel günstiger als man denkt. Ich zahle umgerechnet etwa 16 Euro für 50 Minuten. Mein Lehrer – er wohnt in Berlin –  korrigiert mich während ich spreche, nicht erst hinterher. Er schreibt mir die besseren Formulierungen in den Chat, wir üben gezielt Redemittel für „Meinung äußern“, „Vermuten“, „Kritik üben“. Und er hat auch ganz konkret mit mir das Vorstellungsgespräch geübt. Das ist hocheffizient. Und zeitlich flexibel: Wir lernen meistens am Abend und manchmal auch am Wochenende, das würde ich mit Studium und Job sonst gar nicht schaffen.

Was sind deine größten „Baustellen“ aktuell? Wo hapert es auf dem Weg zum C1?

Lisa: Seufzt. Die Präpositionen! Immer noch. „Ich interessiere mich für“, aber „Ich warte auf“. Mein Gehirn will immer schwedische Strukturen drauflegen. Im Schwedischen sagt man oft „på“ für alles. Im Deutschen entscheidet das Verb. Das kostet mich im schnellen Gespräch noch Bruchteile von Sekunden, die man hört.

Dann: Konjunktiv II in der indirekten Rede und bei Höflichkeitsformen. Ich sage noch oft „Ich *würde gerne fragen, ob Sie mir helfen könnten“, statt „Dürfte ich Sie um Unterstützung bitten?“. Auf C1-Niveau erwartet man diese stilistische Sicherheit.

Und das Wortschatz-Thema „Behördendeutsch / Fachsprache Sozialarbeit“. Ich kann prima über Klimawandel oder Kunst diskutieren. Aber wenn es um „Eingliederungshilfe nach SGB XII“, „Träger der Jugendhilfe“, „Kostenübernahmeerklärung“ oder „Anamnesegespräch führen“ geht – da fehlen mir die passenden Vokabeln. Ich verstehe die Briefe vom Jobcenter oder vom Amt, aber ich kann sie nicht formulieren. Das üben wir jetzt gezielt: Rollenspiele „Gespräch mit dem Kostenträger“, „Elterngespräch bei Kindeswohlgefährdung“.

Klingt nach einem hartem Stück Arbeit. Gibt es auch Momente, wo du denkst: „Wow, das funktioniert jetzt richtig gut“?

Lisa: Absolut! Letzte Woche im Unterricht haben wir ein Streitgespräch simuliert: „Sollte bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt werden?“. Ich habe 20 Minuten argumentiert, Gegenargumente entkräftet, Konjunktionen wie „zwar … aber“, „nicht nur … sondern auch“, „angesichts der Tatsache, dass“ flüssig eingebaut – und mein Lehrer hat nichts korrigieren müssen. Nur genickt. Das war ein Gänsehautmoment.

Oder neulich: Ich habe einen deutschen Podcast zur Wohnungsnot gehört und konnte mitreden, innerlich widersprechen, die Argumentation strukturiert nachvollziehen. Das passive Verstehen ist schon lange C1, aber das aktive Abrufen im Stressmoment – das kommt jetzt erst.

Was erhoffst du dir konkret von den nächsten Monaten bis zum Praktikumsstart im September?

Lisa: Drei Dinge:

  1. Sicherheit im „Kleinen“: Ich will Smalltalk mit Kolleginnen in der Teeküche führen können, ohne im Kopf zu übersetzen. Über das Wetter, den Bahnstreik, das Wochenende. Das baut Vertrauen auf.
  2. Professionelle Handlungsfähigkeit: Ich will ein Anamnesegespräch mit einem Klienten auf Augenhöhe führen können. Nicht: „Was ist Ihr Problem?“, sondern: „Erzählen Sie mir doch mal, was Sie belastet.“ Empathie braucht die richtigen Wörter.
  3. München-Verständnis: Ich hoffe, dass mein Lehrer (der Berliner) mich langsam an den bayerischen Dialekt heranführt. „Semmel“ und „Brezn“, kenne ich schon.

Ein Tipp für andere Lerner auf B2-Niveau, die den Sprung nach C1 schaffen wollen?

Lisa: Hör auf, „richtig“ sprechen zu wollen. Fang an, deine Meinung zu sagen. Auf B2 übt man noch Strukturen. Auf C1 muss man Inhalt liefern. Mein Lehrer zwingt mich: „Lisa, sag mir nicht, was im Text steht. Sag mir, warum du nicht einverstanden bist.“ Außerdem: Nimm Einzelunterricht, wenn du es dir leisten kannst. Oder such dir einen Tandempartner, der streng korrigiert. Freunde korrigieren nicht – sie verstehen dich. Das bringt dich nicht weiter. Du brauchst jemanden, der dir den Spiegel vorhält: „So sagt man das nicht. So könnte man es sagen.“

Und: Thematisch eingrenzen. Lerne nicht „Wortschatz C1“. Lerne „Wortschatz: Hilfeplangespräch führen“ oder „Wortschatz: Mietvertrag prüfen“. Kontext ist König.

Lisa, wir drücken die Daumen für München! Gibt es ein letztes Lieblingswort, das du kürzlich gelernt hast?

Lisa: Lacht. „Zugänglichkeitsprüfung“. Ein einziges Wort für: „Prüfung, ob ein Gebäude rollstuhlgerecht ist“. Die deutsche Komposita-Magie. Ich liebe es. Aber frag mich nicht nach dem Genus… der, die, das? Noch eine Baustelle!

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